Brief von Edouard Carmignac

Brief von Edouard Carmignac

Edouard Carmignac greift zur Feder und kommentiert aktuelle wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Herausforderungen.

Paris, 1. Juli 2026

Liebe Investoren,

in den vergangenen Monaten haben uns immer wieder dieselben Fragen beschäftigt: Wird KI von den Märkten überbewertet? Sind die Bewertungen unverhältnismäßig? Ist der Vergleich mit der Dot-Com-Blase gerechtfertigt?

Diese Fragen sind durchaus berechtigt. Meiner Ansicht nach spiegeln sie jedoch eine Tendenz wider, die an den Finanzmärkten immer wieder zu beobachten ist. Sobald sich eine größere Veränderung abzeichnet, verlagert sich der Fokus von dem, was daraus entstehen könnte, hin zum Enttäuschungspotenzial.

Im Laufe meiner Investmentkarriere habe ich dieses Muster immer wieder gesehen – beim Internet, beim Aufstieg der Schwellenländer und bei der allmählichen Öffnung Chinas für die übrige Welt. Und jedes Mal hatten die Skeptiker letztlich in einer Sache Recht: Es gibt immer Exzesse. Aber die größten Investmentfehler werden selten gemacht, indem man an diese Veränderungen glaubt. Sie wurden vielmehr gemacht, indem man im entscheidenden Moment abspringt.

Im Januar 2024, als KI noch nicht das dominante Thema in den Finanzdiskussionen war, habe ich bereits betont, dass es einmal sehr wichtig werden würde. Zweieinhalb Jahre später scheinen sich viele Menschen viel größere Sorgen über die Höhe der Welle zu machen als über die Kraft der Strömung, die sie trägt.

Es ist natürlich nicht zu leugnen, dass sich die Welle bereits hoch aufgebaut hat. Auf Augmented Intelligence entfallen mittlerweile 37 % der Investitionen in den USA und 17 % in Europa. Es wird ein Überschuss an Rechenkapazitäten entstehen. Das wird den Rückgang der Kosten für KI senken und die Technologie zugänglicher machen – eine Entwicklung, die wir positiv werten sollten. Die Verbreitung von KI in der Wirtschaft wird die Produktivität und Kreativität erhöhen, gleichzeitig aber auch tiefgreifende Veränderungen zur Folge haben, die etablierte Positionen ins Wanken bringen. Werden große Bezieher von Datenverarbeitungskapazität – Unternehmen, deren Marktposition heute unangreifbar erscheint, wie z. B. Microsoft – in der Lage sein, die Kosten dieser Investitionen weiterzugeben? Wie werden etablierte Softwareunternehmen mit den eindrucksvollen Fähigkeiten neuer Sprachmodelle wie Claude zur Analyse und Vereinfachung zurechtkommen? Und schließlich: Wie müssen wir den enormen KI-bedingten Bedarf an Speicher und Strom einordnen? Bei jeder größeren technologischen Disruption werden die Karten neu gemischt, was Gewinner und Verlierer hervorbringt. Es liegt an uns, uns der Herausforderung zu stellen.

Und wie sieht es an den Märkten aus? Die Entspannung im Nahen Osten, auf die wir gehofft hatten (siehe mein letztes Schreiben) hat sich tatsächlich eingestellt und zu einem deutlichen Rückgang der Energiepreise und einem Nachlassen des weithin befürchteten Inflationsdrucks geführt. Diese Phase, in der wieder Ruhe eingekehrt ist, stärkt die Kaufkraft der Verbraucher und dürfte zudem die großen Zentralbanken von weiteren Zinserhöhungen abhalten. Was die Medien offensichtlich übersehen, ist, dass sich der Ukraine-Konflikt zu Ungunsten Russlands verschiebt, was darauf hindeutet, dass ein Waffenstillstand möglicherweise nicht mehr allzu weit entfernt ist. Dies würde die Konjunkturaussichten für Europa deutlich verbessern. Was uns jedoch Sorge bereitet, ist die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft, verursacht durch die Weigerung Pekings, die Binnennachfrage anzukurbeln. Das würde nämlich in der Praxis eine deutliche politische Liberalisierung voraussetzen.

Es bestehen natürlich weiterhin Unsicherheiten. Das wird nie anders sein. Aber zu einer Zeit, in der viele von uns nach Wendepunkten Ausschau halten, erscheint es mir sinnvoller, den Fokus auf die zugrunde liegenden Kräfte zu legen.

Ich wünsche Ihnen einen friedvollen und erfüllten Sommer.

Mit besten Wünschen

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