
Nachdem im November 2022 die erste Version von ChatGPT vorgestellt worden war, nahm die Euphorie für das Thema Künstliche Intelligenz (KI) an den Aktienmärkten ungebremst Fahrt auf. Anleger stürzten sich vor allem auf die Ausrüster von Rechenzentren, also Hardwarehersteller, sowie auf Unternehmen, die deren Bau in Auftrag gaben: die Hyperscaler1. Als Folge erlebte KI pauschal einen beeindruckenden Börsenboom – bis das Bild im Oktober 2025 differenzierter wurde.
Während die Kurse von Hardwareanbietern (Datenspeicher, Mikroprozessoren usw.) weiter zulegten, gerieten Aktien von Softwareentwicklern und Hyperscalern zunehmend ins Hintertreffen. Dabei bezog sich die Sorge der Anleger bei Softwareunternehmen vor allem auf einen potenziellen direkten und scharfen Wettbewerb durch KI, während sich die Bedenken bei Hyperscalern um die Frage drehten, ob die massiven Investitionen in Rechenzentren profitabel sein können – billionenschwere Investitionen, von denen erst einmal vor allem Hardwarehersteller profitierten.
Anfang Februar 2026 sorgte dann der „Anthropic“-Effekt für Turbulenzen. Der Konkurrent von OpenAI bzw. ChatGPT stellte seinen KI-Agenten für juristische Angelegenheiten vor, kurz darauf gefolgt von weiteren Agenten. Die Anleger, von der Leistungsfähigkeit der Agenten überrascht, begannen daraufhin zu ahnen, in welchem Maße KI Arbeitsplätze im Bürobereich vernichten könnte, und senkten drastisch ihre Engagements in Anbietern von wissensbasierten Dienstleistungen, die in einer von KI geprägten Welt besonders gefährdet sein könnten.
Als Folge übertraf im Monatsvergleich der koreanische Kospi-Index, in dem der Hardwaresektor stark vertreten ist, den US-Index Standard & Poor’s um mehr als 20%. Letzterer wurde durch den Wertverlust bei Aktien des Dienstleistungssektors, die bis dahin durch überzogene Bewertungen von „immateriellen Vermögenswerten“ beflügelt worden waren, nach unten gezogen. Die Angst vor einer KI-Blase manifestierte sich schließlich in einer simplen, aber heftigen Rotation zwischen den einzelnen KI-Teilbereichen, wodurch sich der Höhepunkt der KI-Euphorie an den globalen Börsen verschob.
Die Angst vor einer Börsenblase wich nun der Angst vor makroökonomischen Verwerfungen. Einige sehr überzeugende Artikel über einen bevorstehenden Stellenabbau sorgten für Aufruhr am Markt. Besondere Beachtung fand eine Veröffentlichung von Citrini Research2. Darin wurde ein düsteres Zukunftsszenario über den Zustand der Welt im Jahr 2028 gezeichnet, die durch eine allzu leistungsfähige KI zerstört worden war. „Die durch KI am stärksten gefährdeten Unternehmen wurden zu ihren eifrigsten Nutzern. Das Ergebnis war katastrophal: Jeder Dollar, der an Lohn eingespart wurde, wurde wieder in KI investiert, was die nächste Entlassungswelle ermöglichte.“ Ein für seine Weitsicht und Unabhängigkeit3 geschätzter Ökonom verfasste zeitgleich ebenfalls einen bemerkenswerten kleinen Aufsatz. Darin warf er die Frage nach dem Ende des Kapitalismus in einer Welt auf, in der das Arbeitsangebot durch das Kapital unendlich würde: „Das Kapital wird zur Arbeit“. Wenn KI die menschlichen Fähigkeiten erweitern würde, schreibt er, würde sie den Wert der Arbeit steigern und so die Löhne in die Höhe treiben. Wenn KI jedoch heute das Gehirn und morgen die Hände des Menschen ersetzen würde, würde sie das Problem der knappen Arbeit lösen, indem sie deren Wert auf null senkt. Es gelte also, über eine neue Gesellschaftsordnung nachzudenken, in der Roboter Steuern zahlen, mit denen die menschliche Untätigkeit subventioniert würde.“
Marx hatte diesen Moment in seinem „Maschinenfragment“ offenbar vorausgesehen. Fast zwei Jahrhunderte später erklärte Elon Musk in Davos: „Ein Szenario, in dem die Arbeit einiger weniger zu Wohlstand für alle führt, ist nicht möglich.“ Die Debatte zwischen „erweiterter Intelligenz“ (die wir uns wünschen) und „ersetzter Intelligenz“ nach dem Beispiel von Jack Dorsey4, der am 27. Februar 40% seiner Mitarbeiter entlassen hat, war eröffnet. Vielleicht war die Verantwortung der mitbestimmenden Aktionäre noch nie so wichtig für die Beschäftigung. Noch nie schien die Notwendigkeit einer klaren und entschlossenen politischen Vision und eines entsprechenden politischen Willens so dringend. Ein neues Verteilungssystem für einen neuen Lebensentwurf der Menschen zu organisieren, ist keine Kleinigkeit! Wir tauchen mit Leib und Seele in die Welt der KI ein, die unsere Fantasie überall mit humanoiden Robotern bevölkert – je nach Sichtweise entweder zu unseren Diensten oder im Sold von Big Brother.
Am 28. Februar haben Israel und die USA den Iran angegriffen. Die neue Welt riecht nach Schießpulver und Öl. Der Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und energiehungriger KI bildet eine Brücke zwischen der alten und der neuen Welt. Den inflationsdämpfenden Kräften, die KI freisetzen könnte, stehen auch inflationäre Tendenzen gegenüber. Die Unruhen im Nahen Osten könnten uns veranlassen, den Blick vom Thema KI abzuwenden. Große technologische Umwälzungen haben schon immer tiefe Ängste ausgelöst – anfangs vor allem die Angst vor einem deutlichen Verlust an Arbeitsplätzen, da es einfacher ist, zu erkennen, welche Berufe wegfallen werden, als zu erahnen, welche Berufe neu entstehen werden. Immer jedoch entstanden letztendlich mehr neue Arbeitsplätze. Auch die für jede Revolution typischen Ängste waren immer vorhanden. So gingen Mitte des 19. Jahrhunderts „Experten“ davon aus, dass unser Körper das Tempo der Lokomotiven von 60 Stundenkilometern nicht lange standhalten würde. Unvergessen sind auch die lebendigen und hitzigen Debatten über die Gefahren der Elektrizität zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch wovor genau haben wir Angst bei KI? Die Konzentration der Macht in wenigen Händen, die Kontrolle unseres Lebens durch Software und Roboter, die Entmutigung zum eigenen Nachdenken, das Ende der menschlichen Arbeit?
Was wir als Portfoliomanager angesichts der fortschreitenden technologischen Revolution tun können, ist, zwischen den gegenwärtigen und zukünftigen Gewinnern und Verlierern der KI zu unterscheiden und ihre Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zu verstehen, um unseren Kunden den bestmöglichen Service zu bieten. Dies bedeutet in gewisser Weise auch, die Unternehmen dazu anzuregen, mit Blick auf die aktuellen tiefgreifenden Veränderungen echte soziale Verantwortung zu übernehmen.
Unternehmen, Behörden und Selbstständige – deren Zahl durch KI möglicherweise wachsen wird – müssen schon jetzt Kreativität zeigen, alte Praktiken wiederbeleben und für parallel existierende Welten sorgen – so wie es Japan gelungen ist, dass eine offene, äußerst wettbewerbsfähige Wirtschaft neben einer geschützten Wirtschaft für den Teil der Bevölkerung, der am wenigsten wettbewerbsfähig ist, bestehen kann. Langfristig werden die von KI und Robotern erwarteten Produktivitätssteigerungen genau zur richtigen Zeit kommen, um dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung und der Alterung der Gesellschaft entgegenzuwirken.
Die Natur vollbringt gute Arbeit, wenn sie mit einigen künstlichen Hilfsmitteln unterstützt wird.
1Amazon, Google, Microsoft, Meta, Oracle.
2„Die globale Intelligenzkrise 2028“.
3George Saravelos – Deutsche Bank: Remember Karl Marx.
4Mitbegründer von Twitter und derzeitiger Eigentümer, Gründer und CEO von Block Inc. Am Tag der Bekanntgabe machten die Aktien von Block Inc. einen Kurssprung um fast 17%.